Noch mehr Hürden beim Aussortieren

Teil 2 - Weiter geht’s mit den Aussortier-Hürden
Im ersten Teil dieses Blog-Beitrages haben wir uns mit drei typischen Gedanken beschäftigt, die uns beim Aussortieren gerne im Weg stehen: Wo soll ich anfangen? Was, wenn ich das irgendwann vielleicht doch noch brauche? Und: Das war aber einmal sehr teuer!
Bei den nächsten drei Hürden wird es noch ein bisschen persönlicher und emotionaler. Denn wenn ein Gegenstand mit einem lieben Menschen, einer besonderen Erinnerung oder der Aussicht auf Geld verbunden ist, fällt uns das Loslassen leider oft noch schwerer.
Schauen wir uns deshalb an, was hinter diesen Gedanken steckt – und wie du auch hier eine Entscheidung treffen kannst, die sich für dich stimmig anfühlt.

Die „Das war ein Geschenk“-Hürde
Diese Hürde hat es wirklich in sich. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um einen Gegenstand, sondern es geht um einen Menschen, der an dich gedacht hat, dir eine Freude machen wollte und dieses Geschenk gegeben hat. Und es geht um die Angst, undankbar zu wirken und diesen Menschen zu verletzen.
Deine liebe Nachbarin, die dir aus ihrem Indien-Urlaub einen Seidenschal mitgebracht hat als Dankeschön dafür, dass du dich während ihrer Abwesenheit um ihre Meerschweinchen gekümmert hast. Deine Tante, die dir für deine neue Wohnung eine schöne neue Vase gekauft hat, damit es bei dir gemütlicher wird. Oder deinen Arbeitskollegen, der dir vor Jahren beim Wichteln eine Tasse mit einem lustigen Spruch geschenkt hat. Aber dieser Seidenschal passt nicht zu deinem Stil, die Vase trifft überhaupt nicht deinen Geschmack und deinen Tee trinkst du lieber aus anderen Tassen. Und da die meisten von uns so erzogen wurden, dass man ein Geschenk dankbar annimmt und dann in irgendeiner Art und Weise in Ehren hält, kannst du diese Dinge ja wirklich nicht weggeben … doch, du kannst!
Mein Tipp: Frage dich, worum es bei einem Geschenk eigentlich geht. Denn in Wahrheit geht es nicht um den Gegenstand an sich, sondern um den Moment, in dem dir dieser Gegenstand übergeben wird. Und um die dahinter liegende Geste. Es geht um Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit, Wertschätzung – und darum, dass dir jemand eine Freude machen wollte. Sobald du das Geschenk also in deinen Händen hältst, hat es seine Hauptaufgabe erfüllt. Du musst den geschenkten Gegenstand nicht dein ganzes Leben lang aufbewahren, um dir die Zuneigung, Liebe oder Wertschätzung eines Menschen zu bewahren. Vielmehr darfst du dankbar sein für die Geste und dich dann trotzdem vom Geschenk trennen. Du liebst deine Tante nicht weniger, nur weil du die Vase weggibst.
Die „Daran hängen so viele Erinnerungen“-Hürde
Das ist tatsächlich eine der herausforderndsten, weil emotionalsten Hürden beim Aussortieren. Und es betrifft so viele Gegenstände in unserem Zuhause aus den unterschiedlichsten Kategorien. Es sind Gegenstände, die uns an einen besonderen Moment, einen längst vergangenen Lebensabschnitt oder an einen lieben Menschen erinnern. Denk nur an alte Fotos, Briefe, Schulhefte, Urlaubssouvenirs, Kleidungsstücke von besonderen Anlässen, Schmuckstücke, gemalte und gebastelte „Kunstwerke“ deiner Kinder, dein erstes eigenes Geschirrset (oder das, was davon noch übrig ist) usw. Wir halten oft an solchen Gegenständen fest, weil wir Angst haben, dass wir mit ihnen auch die schöne Erinnerung oder ein Gefühl aus der Vergangenheit verlieren.
Mein Tipp: Denk daran, dass Erinnerungen in deinem Herzen und in deinem Kopf wohnen, nicht in einem verstaubten Regal oder in einer Plastikkiste im Keller. Eine Erinnerung braucht nicht zwingend einen Gegenstand, um sie festzuhalten und sie wird nicht weniger wertvoll, nur weil du keinen Gegenstand dazu besitzt.
Oft ist auch ein Foto eine wunderbare Möglichkeit, eine Erinnerung festzuhalten, ohne den Gegenstand selbst behalten zu müssen. Manchmal möchtest du das Erinnerungsstück aber auch einfach behalten … auch das ist in Ordnung. Versuche aber, Erinnerungsstücke bewusst zu reduzieren, so dass du beispielsweise von einem bestimmten Urlaub nur ein einziges Erinnerungsstück aufbewahrst anstatt zwanzig. Und wenn du dieses dann auch noch in eine schöne Erinnerungskiste gibst oder es an einem geeigneten Platz in deiner Wohnung aufstellst, dann machst du diesen Gegenstand wirklich zu etwas Besonderem.

Die „Das kann ich doch noch verkaufen“-Hürde
Ja, es wirkt auf den ersten Blick wirklich verlockend – dieser Gedanke, für unseren alten „Krempel“ noch Geld zu bekommen. Und ganz nebenbei wird damit unser schlechtes Gewissen kleiner, weil wir zumindest einen Teil des Geldes zurückbekommen und weil es ja auch aus Nachhaltigkeitsgründen Sinn macht, Sachen weiterzugeben. Aber die Wahrheit ist: Durch diese Herangehensweise fühlt sich Aussortieren plötzlich nicht mehr nach einer Entlastung und nach „Loslassen“ an, sondern wird zu einem neuen Projekt mit einer endlosen To-do-Liste: Fotos machen, Preise recherchieren, Artikelbeschreibungen tippen, Nachrichten beantworten, verhandeln, verpacken, zur Post bringen, Abholtermine vereinbaren. Und dadurch nimmst du dir genau die Leichtigkeit, die du ja eigentlich durch das Aussortieren erreichen möchtest.
Mein Tipp: Frage dich ehrlich – ist dir der mögliche Verkaufserlös den zeitlichen und mentalen Aufwand wert? Setze dir dabei klare Regeln und Grenzen. Ab welchem Verkaufserlös lohnt sich der Aufwand für dich (zum Beispiel ab 20 bis 30 Euro)? Alles unter einem bestimmten Wert solltest du lieber verschenken oder spenden. Und setze dir unbedingt eine Frist. Wenn der Artikel beispielsweise nach 14 Tagen nicht verkauft ist, wird er verschenkt oder gespendet. So vermeidest du, dass diese aussortierten Dinge wieder wochen- oder gar monatelang in deinem Zuhause herumliegen und dich beschäftigen – in der Hoffnung, dass sie vielleicht irgendwann jemand für 3 Euro kauft.
Erst wenn die aussortierten Sachen dein Zuhause verlassen haben, ist der Prozess des Aussortierens wirklich abgeschlossen!
Fazit
Beim Aussortieren geht es nicht darum, möglichst viele Dinge in möglichst kurzer Zeit loszuwerden oder ein perfekt aufgeräumtes Zuhause zu schaffen. Dein Zuhause muss nicht perfekt sein. Man darf sehen, dass darin gelebt wird. Und Dinge dürfen einen Platz in unserem Leben und in unserem Zuhause haben. Sie dürfen praktisch sein. Schön sein. Erinnerungen bewahren. Freude machen. Aber wir dürfen sie auch gehen lassen, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben.
Genau da liegt die größte Herausforderung beim Aussortieren. Du musst lernen, bewusst zu unterscheiden: Was passt noch zu meinem Leben – und was darf gehen? Dein Zuhause sollte kein Museum deiner Vergangenheit sein und kein Lagerraum für ungenutzte Möglichkeiten der Zukunft. Es ist der Ort, an dem du HEUTE lebst, entspannst und Kraft tankst.
Aussortieren bedeutet, viele kleine, bewusste Entscheidungen zu treffen. Alte Denkweisen und Erwartungen loszulassen. Fehlkäufe als solche zu erkennen und aufzulösen. Erinnerungen neu zu bewahren. Und immer wieder festzustellen: Das brauche ich nicht mehr. Ohne Schuldgefühl. Ohne Rechtfertigung. Ohne Perfektion.
Jasmin Wunderl

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